Tschernobyl – nach 25 Jahren immer noch aktuell
Am 26. April 2011 vor 25 Jahren ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl die bis dato größte Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie. Ungeachtet der Folgen für die Umwelt gibt es bis heute immer noch wenig gesicherten Daten sowohl über die Höhe der mit dem Ereignis zusammen hängenden Todesfälle als auch über die gesundheitlichen Spätfolgen bei den betroffenen Menschen. Seitdem sind eine Vielzahl von Projekten zur Unterstützung von Opfern der Reaktorkatastrophe ins Leben gerufen worden und gerade bei den medizinischen könntest Du als MTA Dich engagieren.
Ich erinnere mich noch, wie unser damaliger Lehrer für Politikwissenschaften beinahe einen Herzstillstand erlitt, weil er mich im Nieselregen ohne einen Regenschirm den Schulhof überqueren sah. Es muss so zwei bis drei Tage nach Bekanntwerden der Explosion im Kernreaktor Tschernobyl Block 4 gewesen sein. Die Spekulationen über die möglichen Auswirkungen auf den Rest der Welt, allen voran Europa, überschlugen sich. Es gab keine fundierten Informationen, dafür umso mehr Horrorszenarien. Trotzdem gingen viele Menschen hierzulande damit relativ entspannt um; die Ukraine war ja weit genug entfernt (vor diesem Hintergrund ist die Reaktion meines damaligen Lehrers, der die Sache zumindest ernster nahm als ich, sogar nachvollziehbar).
Heute, 25 Jahre später, ist klar, dass mein kleiner Spaziergang zumindest etwas unbedacht war. Ich habe zwar keinerlei gesundheitliche Schäden davon getragen, ging aber mit der Situation in etwa so unbedarft um, wie die damalige russische Regierung; nur dass die vor Ort eingesetzten Hilfskräfte (vor allem Feuerwehrleute und so genannte Liquidatoren) sich nicht tausende Kilometer entfernt vom Unglücksort befanden. Von den 134 Werksangehörigen und Feuerwehrleuten mit akutem Strahlensyndrom starben 28 Personen innerhalb weniger Tage oder Wochen nach dem Unfall (maximale Überlebenszeit 96 Tage) [vgl. Bundesamt für Strahlenschutz: Tschernobyl – 20 Jahre danach, 2. Auflage 2009, http://www.bfs.de/de/bfs/druck/broschueren/Tscherno20.pdf]. Laut Bundesamt für Strahlenschutz befanden sich von 1986-1987 200.000 Liquidatoren für den Bau eines Sarkophags aus Stahlbeton um den geborstenen Reaktor im Einsatz. 120.000 Personen wurden aus besonders kontaminierten Regionen evakuiert und weitere 280.000 Personen aus den am höchsten kontaminierten Regionen.
Bis heute gibt es keine eindeutigen Zahlen über auf das Unglück unmittelbar zurückzuführende Todes- oder Krankheitsfälle; gleiches gilt für mögliche Langzeitfolgen. Allerdings ist ein Anstieg der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs unter der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten unumstritten, vorwiegend unter denjenigen, die zum Zeitpunkt des Unglücks im Kindes- bzw. Jugendalter waren.
Die hohe Erkrankungsrate ist auf das radioaktive Jod zurückzuführen, dass mit dem Reaktorbrand in die Atmosphäre und die Nahrungskette gelangt ist und sich so in der Schilddrüse anreichern konnte. Man geht davon aus, dass durch den Brand die Hälfte bis zu zwei Drittel der in den Brennstäben vorhandenen Jodisotope freigesetzt wurden. Prinzipiell wird der Krebs durch einen operativen Eingriff bekämpft, bei dem die Schilddrüse komplett entfernt wird, und einer anschließenden Radiojodtherapie. Doch die Behandlung kostet Geld und erfordert qualifiziertes Personal. Geld, das die Betroffenen und Angehörigen oftmals nicht haben.
Und obwohl vor Ort (Minsk) grundsätzlich die Möglichkeit einer Behandlung besteht (operative Eingriffe werden an den dortigen Kliniken gerade im Hinblick auf Schilddrüsenkrebs durchgeführt) werden auch heute noch in besonderen Fällen vor allem Kinder nach Deutschland eingeflogen um hier behandelt zu werden. Grund ist sowohl die unzureichende Versorgung mit Medikamenten als auch eine nicht existente lückenlose Nachversorgung.
Denn vor allem Kinder sind es, die unter den Folgen der Katastrophe zu leiden haben. 800.000, so schätzt man, leben derzeit in den immer noch verstrahlten Gebieten.
Und so ist es gerade die nachfolgende Generation der damaligen Opfer, die heutzutage der westlichen Hilfe bedarf.
Es sind sowohl kirchliche Institutionen (Caritas) als auch Privatinitiativen und Vereine (Hilfe für krebskranke Tschernobyl-Kinder e.V., IPPNW, Medizinische Hilfe für Tschernobylkinder e.V., die unter anderem auch die Ausbildung von ärztlichem Assistenzpersonal aus der Ukraine, Weißrussland und Russland anbieten) oder deutsche Kliniken (Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Universität Würzburg), die sich um Hilfe für die vorwiegend aus Weißrussland stammenden Opfer bemühen.
Gerade MTRA sind durch ihre Ausbildung und ihre Fachkunde im Strahlenschutz für die Mitarbeit in Hilfsprojekten für Tschernobyl prädestiniert; sei es im Umgang mit radioaktiven Stoffen, Messungen von belasteten Lebensmitteln oder zur Schulung der Bevölkerung in grundlegenden Schutzmaßnahmen.
Denn auf Dauer muss eine regionale Lösung vor Ort gefunden werden.
Eine relativ ausführliche Liste über die Entwicklungszusammenarbeit bzw. humanitäre Hilfe für Weißrussland findest Du unter folgendem Link:
www.laenderkontakte.de/belarus/entwicklungszusammenarbeit
