Rückenschmerzen! – Sichtbar machen?

Du bist MTRA und erstellst Aufnahmen mittels der Computertomografie. Wie immer, so sind auch heute viele Patienten mit Rückproblemen unter den Wartenden. Und wie so oft zeigen die Aufnahmen keine Auffälligkeiten. Du wunderst dich und fragst dich: Wieso ist das so? Wieso schieben MTRA in Deutschland jährlich 6 Millionen Menschen in die Röhre?

Diese Fragen hat sich auch die Bertelsmann Stiftung gestellt und Patienten wie Ärztinnen und Ärzte interviewt. Mit dem Ergebnis: Wenn der Rücken schmerzt, reagieren Patienten und Ärzte häufig übertrieben. Betroffene sind unsicher und erwarten zu schnell eine ärztliche Einschätzung auf Basis bildgebender Verfahren. Behandelnde Ärzte rücken die überzogenen Hoffnungen ihrer Patienten oft nicht zurecht.


Wenn es um Rückenschmerzen geht, ist jeder Zweite (52 Prozent) überzeugt davon, dass man immer einen Arzt aufsuchen muss. In 2015 besuchten so 38 Millionen Menschen rückenschmerzbedingt eine Arztpraxis. 60 Prozent der Bevölkerung erwarten außerdem schnellstens eine bildgebende Untersuchung. Und mehr als zwei von drei Personen (69 Prozent) sind der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache des Schmerzes findet.

Ein Trugschluss: Ärzte können gerade einmal bei höchstens 15 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder verbessern oft also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen.


Ärzte weichen von wissenschaftlichen Empfehlungen ab

Die falschen Erwartungen der Patienten rücken Ärzte häufig nicht zurecht. Dadurch kommt es neben übermäßig vielen Arztbesuchen auch zu unnötig vielen Bildaufnahmen. Allein 2015 haben Ärzte über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen vom Rücken veranlasst.

"Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen", so Prof. Dr. Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald und medizinischer Experte für den Faktencheck.

Die bildgebende Diagnostik erfolgt zudem oft vorschnell. Bei 22 Prozent ordneten Ärzte eine Aufnahme vom Rücken bereits im Quartal der Erstdiagnose an. Bei jedem zweiten Betroffenen veranlassten sie die Anfertigung eines Bilds, ohne vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, unternommen zu haben.


Mehr reden statt röntgen

Fakt ist: 85 Prozent der akuten Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch. Ärztliche Leitlinien empfehlen bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe (beispielsweise Wirbelbrüche oder Entzündungen), körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen.

Ärzte weichen von diesen wissenschaftlichen Empfehlungen jedoch häufig ab. So wird 43 Prozent der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen. Zudem verstärken Ärzte oft das Krankheitsgefühl der Betroffenen, anstatt sie zu beruhigen. 47 Prozent der Betroffenen wird vermittelt, dass der Rücken "kaputt" oder "verschlissen" sei.

„Ärzte müssen falsche Kenntnisse und Erwartungen von Patienten korrigieren“, betont Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssen wieder mehr Gewicht erhalten.“

Dafür bedarf es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So müssen Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.

Internationale Beispiele zeigen, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, unnötige und im Zweifelsfall gesundheitsschädliche Aufnahmen zu reduzieren: In Teilen Kanadas erhalten Ärzte seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. In den Niederlanden setzt man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten.


Weitere Infos

Werte zur Versorgungssituation bei Rückenschmerzen in deiner Region findest du im interaktiven Kartentool auf: www.faktencheck-ruecken.de