25.05.10

„Extreme Bedingungen, aber das absolute Teamgefühl!


Ehemals Fußballstadion, jetzt eine Zeltstadt als Klinik.


Kirsten Schmidt tanzt mit Roro - aus Freude über das neue Röntgengerät.


Extreme Bedingungen, aber ein gutes Team: Kirsten Schmidt inmitten der Helfer.

Als Kirsten Schmidt, MTA in Berlin, Mitte Januar diese Nachricht hört, weiß sie sofort, dass es nun für sie ernst werden könnte: Haiti wurde von einem schwerenErdbeben erschüttert. Etwa 300.000 Menschen sterben, ebenso viele werden verletzt und mehr als 1,2 Millionen Menschen sind nun obdachlos.

Die 48-Jährige Berlinerin, die in der Radiologie des Evangelischen Waldkrankenhauses in Berlin-Spandau arbeitet, hat sich vor drei Jahren für den Einsatz in Katastrophengebieten weitergebildet. Anfang März geht sie für knapp sechs Wochen nach Haiti und baut die Röntgenabteilung im Mobilen Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit auf. Mitte April ist Kirsten Schmidt nach Berlin zurückgekehrt und berichtet über das, was sie dort erlebt hat. Susanne Werner von der MTAwerden-Redaktion hat es protokolliert:  

Krankenhaus als Zeltstadt
„Mein Einsatzort war Carrefour, die zweitgrößte Stadt in Haiti. Das DRK hat dort das Mobile Krankenhaus in einem Fußballstadion aufgebaut. Es ist eine riesige Zeltstadt. Jedes Zelt beherbergt eine andere Station eines Krankenhauses. Und daneben waren dort auch unsere Zelte, in denen das medizinische Personal des DRK übernachtet hat. An die Hitze musste ich mich anfangs gewöhnen: Nachts waren es so um die 23 Grad Celsius, tagsüber bis zu 40 Grad. In den Zelten und mit all den Geräten war es oft noch sehr viel heißer.

Internationales Team
Das Krankenhaus ist international besetzt – der ärztliche Direktor kommt aus Peru, ein Internist aus Australien, weitere Kollegen aus Finnland, Chile, Kanada, Hongkong und dazu noch die lokalen Ärzte und Pfleger. Zwar spricht man in Haiti Französisch oder Kreolisch. Im Team aber haben wir uns auf Englisch verständigt und selbstverständlich geduzt. Einen Radiologen gab es nicht. Ich war die einzige MTA und für das Röntgen verantwortlich.
Das Krankenhaus war täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet, aber es gab natürlich Nachtschichten. So war ich knapp sechs Wochen lang rund um die Uhr im Einsatz. Man lebt einfach in einer anderen Welt! Nur einmal in der ganzen Zeit hatten wir einen freien Nachmittag und sind dann an den Strand gefahren – das war’s. Es waren extreme Bedingungen, aber wir hatten ein absolutes Teamgefühl!

Röntgenbild liefert wichtige Hinweise
Im Röntgen habe ich alles gemacht: Die Geräte aufgebaut und angeschlossen, das Material bestellt und täglich bis zu 20 Patienten untersucht. Es kamen sehr viele Unfallopfer, Menschen mit Pneumonien, mit Frakturen ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen jungen Mann, der mit einer Schusswunde bei uns eingeliefert wurde. Auf dem Röntgenbild war gut zu erkennen, dass die Kugel in der Leber steckengeblieben ist. So wussten die Ärzte, wie zu operieren ist und wir haben ihn tatsächlich durchgebracht! Das hat mich riesig gefreut!

Diagnosen werden gemeinsam besprochen
Jedes Röntgenbild bereitet intensive Arbeit. Nach der Aufnahme muss es sofort entwickelt, abgezogen, geprüft und beschriftet werden. Da gab es niemand außer mir, der dies konnte. Ich hatte natürlich auch zu entscheiden, ob eine Aufnahme noch einmal gemacht werden muss oder nicht. Und es war ganz selbstverständlich, dass die Ärzte zu mir kommen und wir gemeinsam über die Diagnose sprechen.
Schließlich habe ich in meinen 26 Berufsjahren schon sehr viel mehr Röntgenbilder gesehen als mancher Arzt, der in Haiti vor Ort war. Ein gutes Röntgenbild ist ungemein wichtig für die Diagnose und eine gute OP-Planung. Da ist der gegenseitige Rat und Austausch ganz normal. Ohne ein gutes Röntgenbild gibt es einfach keine eindeutigen Diagnosen!

Ein Tänzchen aus Freude
Einmal ist das Röntgengerät ausgefallen und wir mussten einige Tage lang auf die Bilder verzichten. Das war hart! Wir bekamen schließlich eine neue Entwicklungsanlage, die ich gemeinsam mit meinem Helfer Roro, einem Haitianer, zusammengebaut habe. Als wir das geschafft hatten, legten wir in unserem Zelt erstmal ein Tänzchen hin. Wir waren einfach glücklich!
Das war überhaupt beeindruckend in Haiti. Die Menschen können sich über so vieles freuen, selbst über Kleinigkeiten und drücken dies auch aus - in einem Lächeln, in einem Tanz oder Gesang. Diese Haltung hilft, glaube ich, sehr mit der Lage vor Ort fertig zu werden!  Schließlich wohnen dort im Obdachlosen-Zeltlager direkt neben unserem Krankenhaus etwa 5000 Menschen auf engsten Raum zusammen. Etwa 20 WCs und zehn Duschen stehen zur Verfügung – und trotzdem klappt das! Unglaublich!

MTA als "Allrounder" gefragt
Als MTA bin ich eine „Allrounderin“: Ich weiß aufgrund meiner Ausbildung vor 26 Jahren  auch im Labor Bescheid. So habe ich dort ausgeholfen und die neue Laborantin angelernt. Ich war auch bei der Ersten Hilfe dabei und habe Schwerverletzte versorgt.
Ob ich es so einen Einsatz wieder machen würde? Auf jeden Fall! Man lernt so viel, wie eine Zusammenarbeit unter extremen Bedingungen klappt. Und ich hatte auch das Gefühl, dass ich mit meinen Kompetenzen und meinem Wissen wirklich gebraucht werde. Allerdings: Man sollte auch um die Grenzen seiner Kräfte wissen und nicht glauben, man könnte in wenigen Tagen die Welt retten. Man muss sich schon auch abschotten können, damit einen das Elend anderer Menschen nicht völlig erschüttert.“      

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