So cool kann Naturwissenschaft sein!

Mai-Thi Nguyen Kim räumt auf mit dem Bild des naturwissenschaftlichen Nerds und präsentiert den Kampf gegen Krebszellen auf Hipster-Teenager-Niveau.

Für die Ausbildung zur MTA sind Naturwissenschaften super wichtig. Doch aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen wirken die Begriffe Chemie, Mathe und Physik abschreckend. Hat es damit zu tun, dass wir die naturwissenschaftlichen Fächer mit Bildern von Freaks, Nerds und bestenfalls noch wahnsinnigen Professoren in weißen Kitteln in Verbindung bringen?

Videostill: Drug Delivery System. Aus: So cool kann Chemie sein! (Mai-Thi Nguyen Kim - Science Slam)

Mai ist Chemikerin. Und Mai entspricht so ganz und gar nicht dem Klischee in unseren Köpfen. Denn Mai ist verdammt cool. Und mit ihren abgefahren Moves zieht sie in den Kampf gegen aggressive Krebszellen. So battlet sie auf dem Science Slam Anfang 2016 zusammen mit ihren akademischen Schwestern der Campus Dance Crew Aachen ihre infizierten Brüder in Grund und Boden. 

Interesse = Coolness / Komplexität

Doch bevor Mai ihre Forschungsergebnisse als Dancing Queen präsentiert, hinterfragt sie den Begriff Coolness. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Frage: Wieso finden viele junge Leute Naturwissenschaften so uncool?

Videostill: Wieso finden viele junge Leute Naturwissenschaften so uncool? Aus: So cool kann Chemie sein! (Mai-Thi Nguyen Kim - Science Slam)

Als Einstimmungs-Exkurs zeigt Mai Bilder, wie sich Naturwissenschaftlerinnen und -wissemschaftler gerne selbst darstellen. Zunächst ist da das Bild des verrückten Professors. Laut Mai immer noch die realistischste Darstellung.

Dann eine Forscherin, die ihren Kolben prüfend gegens Licht hält. Mai: „Als ob irgendein Wissenschaftler etwas analysieren würde, indem er es gegen das Licht hält.“ Dann kommt auch noch eine Lupe hinzu. Der Gesichtsausdruck der Wissenschaftlerin spricht für sich: „WTF mach ich hier eigentlich.“

Zum Abschluss der Klassiker: Wissenschaftlerin schreibt Formeln an eine Glasscheibe. Mais kurzes Resumee:„Das ist schon das Coolste, wie wir Wissenschaftler uns darstellen können.“

Zurück zur Stereotype Naturwissenschaftler = Nerd 

Wir folgen Mais Annahme, dass Interesse proportional zu Coolness ist.
Das heißt: Je cooler ein Thema ist, desto interessanter erscheint es.

Was das für die Naturwissenschaften bedeutet, demonstriert sie anhand der Formel:
Interesse = Coolness / Komplexität

Videostill: Mai erläutert, wie interessante Themen für coole Hipster und Teenager aufbereitet werden müssen. Aus: So cool kann Chemie sein! (Mai-Thi Nguyen Kim - Science Slam)

Sie zeichnet dazu einen Grafen und kommt zu dem Ergebnis:
Für eine komplexe Disziplin wie Chemie gilt, ein Thema muss schon extrem cool sein, um überhaupt das Interesse der Allgemeinheit zu wecken. Beispiel: die Herstellung von Crystal Meth.

Dann erweitert sie die Formel um eine Konstante der Persönlichkeit:
Interesse = Coolness / Komplexität + Persönlichkeit

Sie zeichnet zwei Kurven ein: die Kurve Nerd auf der einen Seite und die Kurve Teenager und Hipster bzw. Hipster-Teenager auf der anderen Seite. Es zeigt sich, dass der Nerd ein Grundinteresse mitbringt, auch für uncoole Themen, während der Hipster-Teenager eine kritische Coolness aufweist. Erreicht ein Thema die Hipster-Teenager-Anforderung an Coolness nicht, so haben Hipster-Teenager negatives Interesse. Mit Mai-Thi vereinfacht ausgedrückt: „Das heißt, die finden’s Kacke.“

Videostill: Anti Cancer Drugs. Aus: So cool kann Chemie sein! (Mai-Thi Nguyen Kim - Science Slam)

Mit dem hergeleiteten Wissen um das Verhältnis von Interesse zu Coolness wählt Mai eine spezielle Präsentationsform ihres schon allein im Titel viel zu komplex klingenden Forschungsthemas: „Self Assembled Nanoparticals for siRNA Delivery“
Sie verringert also die Komplexität und steigert die Coolness, um das Interesse soweit zu maximieren, dass selbst Gangster-Hipster-Teenager begeistert sein dürften.

Dancing Drug Delivery

Hinweis: Spätestens jetzt solltest du dir das Video ansehen! Die folgende kurze Darstellung des Forschungsthemas von Mai wirkt gegenüber dem Dance battle dröge und ist rein informativ.


1. Aktuelle Anti-Krebswirkstoffe sind toxisch und können nicht zwischen Krebszellen und gesunden Zellen unterscheiden und zerstören daher einfach allen Zellen.

2. Targeting Liganden sind Moleküle, die genau diese Unterscheidung zwischen Krebszellen und gesunden Zellen vornehmen können, denn Krebszellen haben bestimmte Rezeptoren für Targeting Liganden.

3. Fluorophore sind fluoreszierende Moleküle, die unter dem Fluoreszenzmikroskop sichtbar sind, bio-chemische Prozesse also erst sichtbar und überprüfbar machen.

Um im Kampf gegen Krebszellen wirksam zu sein, müssen alle drei Komponenten – Anti-Krebswirkstoffe, Targeting Legaten und Fluorophore – als Team auftreten. Genau das ist die Aufgabe der Chemikerin Mai. Hierzu gestaltet sie Polymere (langkettige Moleküle), die in der Lage sind, die drei Komponenten zu einer Einheit zu vereinen.    

Sie stellt also ein Drug Delivery System her, das im Idealfall in einen Patienten injiziert werden kann, um den Krebs zu bekämpfen.